*1978 +März 2006

Zu unser aller Erschrecken hatte Michi Zehnle (Chili TV: Requisite, Will Scarlett in
3 für Robin Hood u.a.) einen dramatischen Autounfall auf dem Heimweg von der
Beerdigung seines Vaters...
Ein virtuelles Kondolenzbuch befindet sich in unserem Forum.
Im nachfolgenden der Nachruf von David Eniskat im Tagesspiegel vom 05. Mai 2006.
Was er nicht wollte, war früh klar: Vaters Klempnerfirma.
Was macht der Junior denn? Wenn Michael an sein altes Zuhause dachte,
klang ihm die Frage in den Ohren. Es war die Frage, die die Nachbarn seinem Vater stellten
und auf die der Vater keine Antwort wusste. Wie gern hätte er gesagt: Na zurück
kommt er, der Junior, wer soll denn sonst die Firma übernehmen? Michael kannte die
Hoffnung seines Vaters gut.
Nach dem Zivildienst in Hamburg ist er gleich nach Berlin gegangen, in die große Stadt,
wo niemand voller Sorge nach dem Junior fragte. Was er dort machte oder machen wollte
er hätte es selbst nicht genau sagen können.
Ab wann muss man denn wissen, was man will? Geklärt war immerhin, was Michael nicht wollte: Vaters Klempnerfirma im Schwarzwalddorf. Und, so viel Verpflichtung bedeutete das Angebot des Vaters immerhin: Sozialhilfe wollte Michael niemals beantragen, egal wie groß die Geldsorgen waren. Es ging ihm nie um Verweigerung, er war nur auf der Suche.
Michael suchte Jahr um Jahr, verdiente hier und da sein Geld, mal als Kellner im Hotel,
meistens mit Jobs für kleine Filmproduktionen. So gelangte er zu Chili TV und
tat dort Dinge, die man Leuten in Schwarzwalddörfern schwer vermitteln kann. Er warf
Requisiten durchs Studio, fing Requisiten, die andere geworfen hatten, auf im
Requisitenfangen war er der Beste. Er stellte tanzende Würste im Glas her und Pudding,
welcher, an die Wand geworfen, möglichst viel von seiner Konsistenz behält und keine
Flecken auf Stoffpuppen hinterlässt. Die Stoffpuppen hießen Bernd das Brot,
Briegel der Busch, Chili das Schaf. Michaels Beruf hieß
Best Boy, Set Runner oder Requisite-Assistent. Man
kann auch sagen: Junge für alles. Wenn eine Fantasiemaschine im Bild explodieren musste,
dann warf er ihre Teile umher. Wenn Briegel der Busch eine Tasse umstieß, die
er bei der Wiederholung der Szene noch mal umstoßen sollte, dann fing Michael sie auf.
Wenn jemand sich in die Dekoration zwängen musste, um dort Hebel zu bedienen, dann
natürlich er, denn er war klein und schmal. Außerdem, so schwärmt der Regisseur, war
Michael ne Type. Mit seinem schmalen, ausdrucksstarken Gesicht, den
ungeordneten Haaren eignete er sich für die menschlichen Nebenrollen. Seit er aber mal
einen ganzen Tag in engen, roten und außerdem noch juckenden Strumpfhosen herumlaufen
musste es wurde eine Robin-Hood-Persiflage gedreht , stand er nur noch ungern
vor der Kamera.
Der Chef von der Requisite sagt, Michael sei ein eher lausiger Requisiteur
gewesen, legendär war die Sauerei mit dem zu weichen Wurfpudding. Sein
Lieblingsassistent war er dennoch, umgänglich, gut gelaunt und immer bei der
Sache.
Nach vier Jahren Chili TV war es dennoch genug. So angenehm der Job auch
gewesen sein mag, Aussichten bot er keine. Und inzwischen hatte Michael auch eine
konkretere Vorstellung davon, was er wollen könnte. Es gab da eine Ausbildung zum
Studiotechniker an einer privaten Schule.
Das Leben bisher mag angenehm gewesen sein: die Jobs, die nötig waren, eher zu wenig als
zu viele davon. Die Clubnächte, die Michael auch gut und gern als Fortbildung und
Trendstudien verbuchen konnte, immerhin bastelte er selbst schon länger an eigener
Elektromusik.
Das Leben, das vor ihm lag, sollte bestimmt sehr anders sein, anstrengender, geplanter.
Warum eigentlich sollte es ein weniger angenehmes Leben sein?
Vor einem Jahr hat er sich in Diana verliebt, die Frau mit den Rastalocken. Es geschah im
Hangar am Ostkreuz. Da war sie Stammgast. Und sie war ebenso wie er dabei, die
Dinge zu sortieren: Wo will ich hin? Wozu der ganze Spaß?
Im Februar ist Michaels Vater gestorben. Kurz zuvor sind die beiden miteinander ins Reine
gekommen. Die falschen Hoffnungen belasteten sie nicht mehr, der Vater war sogar bereit,
Michaels Ausbildung zu bezahlen.
Zur Beerdigung des Vaters kam Diana mit ins Schwarzwalddorf. Daher gibt es dieses Foto:
Michael trägt die Haare sehr kurz, Diana hat sich die Rastalocken herauskämmen lassen.
Sie sehen gut aus, selbstbewusst. Sie sehen aus wie zwei, die wissen, was sie wollen. Die
jetzt beginnen können.
Auf der Heimfahrt saß im Auto des Vaters außer den beiden noch Michaels kleine Nichte.
Ein Laster stand am Rand der Autobahn, da sind sie hineingerast, niemand weiß warum. Es
gab keine Bremsspuren.

